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Als er auf der Kuppe des kleinen Hügels anlangte, blieb Tibor stehen und schaute zurück. Weit entfernt konnte er in dem winzigen Punkt die Gestalt der Frau erkennen. Sie rief noch immer diese Worte, die er nicht verstand, rief noch immer jenen Namen, der nicht seiner war. Tibor hörte Verzweiflung in ihrer Stimme. Die klare Luft trug weit. Fast tat es ihm leid, dass er nicht bei diesen Menschen geblieben war. Aber er konnte nicht anders. Sein ganzes bisheriges Leben lang hatten die Menschen ihn gefangen gehalten. Jetzt rief die Freiheit mit gebieterischer Kraft.

Der Owtscharka drehte sich um und trabte den Hügel hinunter. Nach etwa fünfhundert Metern begann der Wald. Ein schmaler Wildpfand schlängelte sich zwischen dicht stehenden Kiefern nach Süden. Ohne zu zögern lief der Hund den Weg entlang.

Es war Ende September.

Längst waren die Störche auf ihrem Weg nach Süden, und auch alle Schwalben befanden sich auf der Reise. Herrlicher Herbst hatte mit einer erfrischenden Regenperiode die heißen Sommerwochen abgelöst. Das machte staubige Tage voll flirrender Mittagshitze ebenso vergessen wie trockene Wege und dürstende Wiesen. Feuchte Rinnsale dehnten sich zu murmelnden Bächen, schmale Lachen zu lebenden Teichen. Die Natur glich aus, was sie in der langen Sommerzeit versäumt hatte.

In der Luft hing noch die Frische des Morgens. Tibor wurde des Staunens nicht müde.

Was für eine Welt!

Der Hof des Tierheimes mit seiner Zwingerbox und zuvor der Hof mit seiner Kette - mehr kannte er nicht. Die Erinnerung des kleinen Hundes an eine Sommerwiese war zu lange her, als dass er sie hätte hervorholen können.

Während seiner Genesung waren die Leute aus dem Tierheim ab und an mit ihm im angrenzenden Wildpark spazieren gegangen. Bäume, Sträucher, Gräser - all das kannte Tibor bereits. Man hatte ihm Gelegenheit gegeben, lange und ausgiebig Wegränder zu beschnuppern und fremde Gerüche zu sortieren. Er wusste auch, dass es noch andere Lebewesen als Hunde und Menschen gab.

Doch all das lag für ihn weit zurück, und er beeilte sich, es zu vergessen. Jetzt war er frei, in einer neuen Welt, in einem neuen Leben.

Der Owtscharka hatte kein Ziel. Er lief einfach weiter. Rast machte er nur, um aus einem der zahlreichen Bäche das kalte, klare Wasser zu trinken. Mit seinen ausgeprägten Sinnen nahm der Hund die kleinsten Geräusche wahr. Er roch die feinste Spur und erkannte, wann und in welche Richtung der Fuchs seinen Weg gekreuzt hatte. Tibor hörte das Rascheln der Haselmaus im dichten Laub und sah den Specht in seiner Baumhöhle verschwinden. Er registrierte jede Bewegung, jeden Laut. Fast alles war neu, und doch irgendwie vertraut.

Tibor fühlte etwas in sich aufsteigen. Eine Macht, jahrelang verborgen, ewig alt und doch immer wieder neu. Als die Quälerei durch jenen bösen Menschen zu groß geworden war, hatte er diese Kraft schon einmal gespürt. Sie hatte ihm geholfen, sich zu befreien.

Der Wald wurde dichter.

Zahlreiche Spuren kreuzten seinen Weg. Er kannte keine davon. Ringsumher wuchsen große Fichten zwischen zahlreichen Laubbäumen. Das Laub hielt noch am sommerlichen Grün fest. Lautlos schlängelte sich eine Ringelnatter durchs feuchte Gras.

Die Sonne ging unter.

Der Owtscharka langte am Rand einer kleinen Lichtung an. Er verspürte keine Lust mehr, weiter zu gehen. Stundenlanges Laufen in frischer Waldluft ermüdet selbst einen großen Hund. Tibor legte sich auf das weiche Gras und schlief sofort ein.

Auf einem Hügel hinter dem Wald erhob sich der mächtige Bergfried der Burg Rabenstein. Tibor war im Fläming angelangt.

Der kleine Höhenzug mit sanften Hügeln und dichten Mischwäldern beherbergte zahlreiches Wild. Damhirsch, Reh und Wildschwein, sogar Mufflons fanden hier eine Heimstatt. Fuchs und Marder zogen sorglos ihre Jungen auf. Der Bussard drehte am hohen Himmel seine Kreise.

Tibor schlief, doch der Wald um ihn herum war voller Leben.

Unweit rief der seltene Rauhfußkauz eine Botschaft in die Nacht. Von irgendwoher antwortete die Waldohreule.

Eine Rötelmaus beendete ihr Leben mit einem dünnen Schrei unter Meister Reineckes spitzen Zähnen. Unermüdlich zirpten Grillen. Lautlos trat die Ricke aus dem Wald und schaute lange zu dem unbekannten, reglos liegenden Tier. Schließlich entschied sie, dass keine Gefahr von ihm ausging und trat auf die Lichtung, um sich an frischem Gras und schmackhaften Kräutern zu laben. Die zur Gruppe gehörenden Tiere taten es ihr gleich.

Der Owtscharka registrierte jedes Geräusch.

Ein Herdenschutzhund schläft nie vollständig. Er hat zwar die Augen geschlossen, atmet tief und ruhig, aber gleichzeitig sind alle Sinne auf seine Umgebung gerichtet. Bei der geringsten Gefahr springt er auf und ist sofort hellwach.

An dieser Nacht war nichts bedrohlich. Wer sollte auch einem fast zwei Zentner schwerem und knapp einem Meter großem Raubtier gefährlich werden?

Der Mond, der alte Nachtwanderer, hatte seinen Weg noch nicht beendet, als die Sonne, seine ewige, unerfüllte Liebe, erwachte. Mit flammendem Rot überzog sie den Morgenhimmel und begrüßte den neuen Tag. Dann winkte sie dem Mond einen flüchtigen Gruß zu und stieg rasch höher.

Tibor wurde von warmen Sonnenstrahlen wachgekitzelt, nieste und stand auf. Seinen Durst stillte er im nahen Bach. Er hatte Hunger. Aber wo bekam er etwas zu fressen her? Der Hund hatte nicht gelernt zu jagen. Obendrein kannte er die Tiere des Waldes nicht. Er wusste nicht, wo und wie er Beute machen konnte, welche Spuren er verfolgen sollte. Er sah sich unschlüssig um und lief schließlich in Richtung des gegenüber liegenden Waldes.

Tibor besaß die Kraft eines Riesen und das Wissen eines Welpen.

Den ganzen ersten Tag seines neuen, freien Lebens streifte er erfolglos durch Wald und Flur. Dabei bemühte er sich, den Behausungen der Menschen nicht allzu nahe zu kommen. Erfolg bei der Nahrungssuche war ihm nicht beschieden. Schließlich fraß er einige Grashalme und würgte sie wieder hervor. Das reinigte zwar den Magen, brachte darüber hinaus aber nicht viel. Am zweiten Tag stieß er gleich zu Beginn seiner Suche auf den Kadaver eines Hasen. Das Langohr hatte eine ziemlich große Bauchwunde. Tibor verschlang den bereits steif gewordenen Körper mit Haut und Haar. Zufrieden legte er sich unter eine Baumgruppe und schlief ein.

Die folgenden Tage waren mehr von Hunger als vom Jagderfolg gekennzeichnet. Mal erwischte Tibor eine unvorsichtige Maus, dann wieder überraschte er ein Birkhuhn im Halbschlaf. Er grub Würmer aus und bekam dabei einen Maulwurf zu fassen. Selbst Frösche und Käfer verschmähte er nicht. Jedoch war all das nur geeignet, Appetit zu machen. Seinen Hunger stillten die kleinen Happen keineswegs.

Einmal lief ihm ein junges Reh direkt vors Maul. Er brauchte nur noch zuzufassen. Der Owtscharka grub seine Zähne in das warme Fleisch und schlang, bis er nicht mehr konnte. Anschließend legte er sich zufrieden in den Schatten einer Buche und verschlief den Rest des Tages. Das Reh reichte für fünf Tage. Dann bekam Tibor wieder Hunger.

 

*****

 

Rädigke feierte Erntedank.

Jedes Jahr veranstaltete Gastwirt Bernd Moritz in seinem Gasthof “Zum Taubenhaus” ein großes Herbstspektakel. Haus, Hof, Scheune und die große Wiese zum Bach hinunter waren Schauplatz für fröhliches Treiben.

Sensendengler, Hufschmiede, Korbflechter - jede Art alten und neuen Handwerks konnte bestaunt werden. Die angefertigten Produkte wurden gleich verkauft und fanden reißenden Absatz. Von überall her kamen Schaulustige und Gäste. Das Erntedankfest in Moritz’ Gasthof war berühmt. Dazu gab es selbstverständlich Deftiges aus Topf und Pfanne, und manch einer hätte gern noch mehr gegessen. Kräftiges Bier, frisches Brot und vor allem der berühmte Klemmkuchen durfte nicht fehlen.

Die Kameraden der freiwilligen Feuerwehr hatte die Durchfahrtsstraße abgesperrt, eine Umleitung organisiert und mehrere Parkplätze eingerichtet. Alle Einwohner des kleinen Flämingdorfes waren an diesem Sonntag auf den Beinen und mit dem Fest verbunden.

Auch im Hof des Hinzebauern blieb keiner zu Hause.

Niemand bemerkte das riesige Tier, das sich am Drahtzaun des Hühnerauslaufes zu schaffen machte. Natürlich bellte der Hofhund wie wild, aber der war eingesperrt und sicher auch ganz froh darüber. Eine Konfrontation mit dem Eindringling wäre für ihn übel ausgegangen. Das Bellen, wenn man es überhaupt hörte, nahm keiner ernst. Den ganzen Tag bellten überall Hunde. Fremde waren im Ort, es war Trubel - da musste ein ordentlicher Hund bellen.

Der Owtscharka hatte vergeblich versucht, sich unter dem Zaun hindurchzugraben. Vor seiner Nase liefen unzählige Hühner hin und her und machten ihm mit ihrem sinnlosen Gegacker mehr und mehr Appetit. Tibors Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Seit vier Tagen hatte er nichts mehr gefressen. Nicht mal eine mickrige Maus war ihm zwischen die Zähne gekommen. Er starrte auf das lebende Futter vor ihm, und Speichel floss aus seinem Maul. Unschlüssig lief der Hund am Zaun auf und ab. Aus dem Dorf kamen die verführerischsten Gerüche. Der Hof, hinter dessen Zaun sich sein Abendessen befand, lag etwas abseits am Hang. Bis zum Wald waren es höchstens dreihundert Meter.

Lange hatte Tibor aus dem Unterholz heraus das Anwesen beobachtet, bevor er sich zur näheren Erkundung entschloss. Wäre dieser nagende Hunger nicht, würde er menschlichen Behausungen niemals nahe kommen. Zu tief war das Misstrauen in ihm, zu frisch die Erinnerung an Misshandlung und Qual.

Der Owtscharka stellte sich am Zaun hoch und stemmte seinen Körper gegen den Maschendraht. Links und rechts von ihm staken die Pfosten nicht sehr fest in der Erde und gaben unter dem Gewicht nach. Tibor fiel mitsamt dem zu Boden gehenden Zaunfeld in den Hühnerhof. Lärmend stob das Federvieh auseinander. Wie ein Wirbelwind fuhr der Hund zwischen die Hühner und würgte, was er zu fassen bekam. Er fiel in einen Rausch und tötete, bis sich nichts mehr regte.

Stille.

Selbst der Hofhund gab keinen Laut von sich. Von unten drang leise Tanzmusik herauf. Der Hinzehof lag etwas erhöht. Bis zur Ortsmitte waren es zehn Minuten Fußweg.

Durch die entstandene Lücke im Zaun hatten die meisten Hühner nach draußen fliehen und sich rings um das Gehöft verteilen können. Zehn, fünfzehn Stück Federvieh jedoch lag tot am Boden. Tibor machte keine großen Umstände und fraß das erste Huhn innerhalb von fünf Minuten. Nur die Beine ließ er übrig. Es war eine kleinwüchsige Rasse. Für den zweiten Vogel brauchte er etwas länger. Dann versuchte er, drei seiner Beutetiere mitzunehmen, schaffte aber nur zwei. Das dritte Huhn rutschte ihm immer wieder aus dem Fang. Bedauernd ließ er es zurück. Missmutig gab ihm sein übervoller Magen zu verstehen, dass er schnelles Laufen nach dem Essen überhaupt nicht mochte. Tibor hörte auf ihn und hielt auf dem Berg an. Er legte sich auf den Boden und schlief sofort ein. All seine Sinne waren auf die Geräusche des Dorfes gerichtet. Die Sonne stand tief am Himmel. Die Menschen feierten.

Als der Abend hereinbrach, gingen auf dem Moritzhof und dem Festplatz die Lichter an. Es herrschte ausgelassene Stimmung. Der Hinzebauer war mit seiner ganzen Familie ebenfalls dort. Niemand hatte den Überfall bemerkt.

Tibor lief nach dem Erwachen eine halbe Stunde in schnellem Trab tiefer in den Wald, bis er eine geeignete Stelle fand. Dort grub er die beiden Hühner ein und lief noch einmal zurück. Jammerschade um das schöne Fressen. Er wollte es nicht zurücklassen. Diesmal gelang es ihm, drei der vormals stolzen Eierleger zugleich am Hals zu fassen und wegzutragen.

Der Hund war klug genug, sein Glück nicht weiter auf die Probe zu stellen. Er beließ es bei den fünf Hühnern, die er gut versteckte. Eigentlich hätte er sich jetzt schlafen legen sollen. Aber eine innere Stimme sagte ihm, dass es besser wäre, den Schlafplatz einige Kilometer weiter weg zu wählen.

Tibor lief bergan, bis die Burg Rabenstein in Sicht kam. Dort bog er nach links ab, unterquerte wenig später die Autobahn und wandte sich in Richtung Klein Marzehns. Irgendwann entdeckte er am Rande eines Birkenwäldchens eine vom Regen ausgewaschene Mulde. Ein guter Platz. Der Owtscharka rollte sich in eine bequeme Stellung und lauschte in die Nacht. Alles war ruhig. Von weit her trug der Wind die Geräusche der Autobahn. Feiner Nieselregen setzte ein.

 

*****

 

 

„Und ich sage dir, es war ein Wolf!“

Der Hinzebauer schlug mit seiner Faust auf den Tisch, dass die Gläser wackelten.

„Mach dich nicht lächerlich, Paul. Wo soll denn hier ein Wolf herkommen.“

Zum wiederholten Mal erhitzte dieses Thema die Stammtischrunde. Bauer Hinze hatte am Tag nach dem Erntedankfest den niedergetrampelten Drahtzaun und die toten Hühner entdeckt. Das restliche Federvieh war rasch eingefangen, und auch der Zaun war schnell repariert worden. Eine Zählung der übrig gebliebenen Vögel wäre ziemlich sinnlos gewesen, denn Hinze wusste nicht, wie viele Hühner er eigentlich besaß. Nach den zu urteilen, hatte der Eindringling mindestens acht seiner Eierleger gefressen. Ein Fuchs schaffte das nicht. Ein Marder hätte sicher nicht so viele flatternde Leckerbissen am Leben gelassen. Ein wildernder Hund wäre über den Zaun geklettert oder hätte sich darunter durchgegraben. Es konnte nur ein Wolf gewesen sein. Der demolierte Zaun sprach für ein riesiges, starkes Tier, die Spuren ebenfalls.

„Der hat Pfoten, so groß wie meine Hand.“

Zur Bekräftigung legte der Bauer seine schwielige Hand auf den Tisch und machte mit den Fingern eine krallende Bewegung.

„Schade, dass der Regen alle Spuren verwischt hat, was Paul?“

Grinsend schaute Willi Ehrenberg vom Nachbartisch herüber.

In der Nacht des Erntedankfestes war aus Richtung Coswig-Wittenberg ein breites Regenband herangezogen und hatte alle Spuren verwischt. Hinze wurde sich mit Grabow, Möbius und Menkenhagen einig, dass eine Suche mit Jagdhunden erfolglos bleiben würde. Die drei gingen, wenn es ihre karge Freizeit erlaubte, dem Waidwerk nach. Ihnen kamen auch manchmal wildernde Hunde vor die Flinte. Leider mussten sie immer diese Tiere schießen. Im vorliegenden Fall lag außer Hinzes Aussage kein Anhaltspunkt auf die Identität des Eindringlings vor. Auch aus Raben, Neuendorf und Buchholz trafen keine diesbezüglichen Meldungen ein. Der angebliche Wolf hatte sich nach jener Nacht nicht wieder bemerkbar gemacht. Dessen ungeachtet bestimmte er seit einer Woche die Gespräche am Stammtisch und im Dorf.

„Vielleicht bist du ja selber gegen deinen wackligen Zaun gefallen und hast dabei deine Hühner erschlagen“, witzelte einer seiner Tischnachbarn.

„Ganz sicher nicht, du Klugscheißer!“

Paul Hinze wurde langsam wütend. Er hatte den Schaden und dazu noch den Spott der Leute.

„Vielleicht war es ja auch dein Bernhardiner, der meinen Zaun niedergewalzt und dann die Hühner gekillt hat. Das Gewicht dazu hat er, und so oft wie er dir schon ausgerissen ist, wäre es gar nicht so unwahrscheinlich. Darüber solltest du mal nachdenken.“

Der Angesprochene machte ein verlegenes Gesicht. Paul hatte recht. Der Rüde war schon mehrfach ausgebüxt und durchs Dorf gestromert. Dabei hatte wohl auch schon mal ein Huhn dran glauben müssen. Aber so etwas? Nee, nee, das machte sein Asko nicht.

Bevor Erich Gotthardt zu einer Erwiderung ansetzen konnte, mischte sich der Wirt ein.

„Hört auf zu streiten, Leute. Wolf oder nicht Wolf. Irgendein Tier hat dem Paul die Hühner abgemurkst. Daran besteht kein Zweifel. In Sachsen soll es ja wieder Wölfe geben, vielleicht sind sie auch schon in Sachsen Anhalt, wer weiß. Möglicherweise hat sich einer zu uns verirrt. Kann alles sein. Allerdings habe ich noch nicht gehört, dass Wölfe Zäune niederreißen. Wenn der Pfotenabdruck wirklich so groß wie deine Hand war, Paul, dann haben wir es mit einem Grizzlybären zu tun.“

„Nun ja, ganz so riesig war die Spur vielleicht doch nicht“, gab der Angesprochene zögernd zu.

„Aber es war ein großes, schweres Tier.“

„Jedenfalls nicht mein Asko“, rief Bauer Gotthard dazwischen.

„Das behauptet doch keiner, Erich. Bleibt doch mal friedlich.“

Gastwirt Moritz versuchte, die Situation zu entspannen.

„Ob nun ein wildernder Hund, ein Wolf oder zweibeinige Hühnerdiebe, die den Festtrubel ausgenutzt haben - ein weiteres Mal ist Gott sei Dank nichts passiert. Vielleicht bleibt es dabei. Jedenfalls sollten unsere Waidmänner“, dabei nickte er in Richtung des Fenstertisches, an dem die Freizeitjäger saßen, „in nächster Zeit ruhig mal öfter einen Pirschgang machen. Alle anderen halten ebenfalls die Augen offen. Wer etwas Verdächtiges bemerkt, sagt mir sofort Bescheid. Ich sorge dafür, dass es unter die Leute kommt. Und jetzt gebe ich einen aus.“

Hocherfreut über die ungewohnte Spendierlaune des Wirtes, nahmen die Gäste ihre Unterhaltung wieder auf. Das “Taubenhaus” war an diesem Samstagabend gut besucht. Bernd Moritz hatte einige Zeit zu tun, alle Gläser für die Stubenlage zu füllen.

Die Gespräche an allen Tischen drehten sich ausnahmslos um Wölfe. Es wurde Mitternacht, ehe der Wirt die Tür hinter dem letzten Gast schließen konnte.

 

*****

 

Wer zu Fuß oder mit dem Fahrrad im Fläming unterwegs ist, findet sich manchmal unversehens in einer tiefen Schlucht wieder. Die Schluchten werden “Rummeln” genannt. Es sind durch Erosion entstandene Trockentäler, deren Wände zehn, fünfzehn Meter in den Himmel ragen. Natürlich sind diese Geländeeinschnitte nicht mit Hochgebirgsschluchten zu vergleichen, aber es macht Vergnügen sie zu durchwandern.

Obwohl sich laut Kalender der Herbst schon ein paar Wochen im Land aufhielt, war es ungewöhnlich mild. Man konnte getrost ohne Jacke seinen Sonntagsspaziergang unternehmen.

Tibor lief am späten Nachmittag durch die Neuendorfer Rummel. Er kam aus Richtung Neuendorf. Am Vormittag hatte er das letzte Huhn aus dem Versteck geholt und gefressen. Einigermaßen satt und zufrieden schlenderte der Owtscharka den gewundenen Weg durch die Schlucht, deren teilweise zwanzig Meter hohen Hänge mit Ginster und Heckenrosen bewachsen waren. Leider lag die Blüte der Sträucher und Blumen um diese Jahreszeit bereits einige Monate zurück. Das eindrucksvolle Erlebnis, welches diese wohl schönste Rummel des Flämings dem Naturfreund im Frühling bietet, konnte nur noch erahnt werden.

Zur gleichen Zeit, als Tibor in die Rummel einbog, befuhren mit ihren Fahrrädern aus Richtung Garrey kommend Rolf und Helmut Behnisch die reichlich einen Kilometer lange Schlucht. Sie hatten, wie an den vergangenen Wochenenden auch, ihrem Schwager beim Anbau seines Hauses geholfen. Dessen Frau erwartete ihr drittes Kind. Das Haus wurde langsam zu klein. Wie üblich gab es nach vollbrachter Arbeit schmackhaftes Essen und reichlich Bier. Leider tranken die Brüder vom Gerstensaft mehr als ihnen gut tat, und so waren sie nicht mehr wirklich verkehrstauglich. Allerdings konnten sie besser fahren als laufen, und die Wanderwege zeigten sich recht einsam.

Beide versicherten später hoch und heilig, ihnen sein an diesem Nachmittag der Leibhaftige begegnet. Auch als sie wieder vollkommen nüchtern waren, brachte sie nichts von ihrer Meinung ab. Sie wunderten sich lediglich, dass der Teufel ihnen kein Leid zugefügt hatte.

Die Begegnung erfolgte an der schmalsten Stelle der Rummel. Wo die Hänge den Wanderer zu erdrücken drohen und schier in den Himmel zu wachsen scheinen, holperten die Räder der Behnischbrüder über knotige Wurzeln und Grasbuckel. Der vorausfahrende Rolf quälte sich keuchend durch ein sandiges Wegstück, als er ihn um die nächste Biegung kommen sah. Groß und furchterregend versperrte das Tier den Weg.

Rolf Behnisch trat mit aller Kraft die Rücktrittbremse, verdrehte dabei den Lenker und wäre fast gestürzt. Sein Bruder konnte nicht mehr ausweichen und fuhr ihm gegen das hintere Schutzblech.

„Heiliger Strohsack!“

Das schwarze Fell zottelig und verfilzt, mit glühenden Augen und Tatzen groß wie eine Männerhand, schien dieses Tier geradewegs aus der Hölle zu kommen. Es war mindestens einen Meter hoch und breitbrüstig wie ein Berufsboxer.

Die Brüder wagten keine Bewegung. Beide hatten das Gefühl, jemand lese ihre Gedanken. Das Tier öffnete sein Maul und ließ vier riesige Zähne sehen. Ein dumpfes Grollen entfuhr seiner Kehle. Die Sekunden dehnten sich zur Ewigkeit. Helmut Behnisch spürte, wie sich seine Haare an den Armen aufstellten. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Aus dem Maul des Ungeheuers tropfte schaumiger Geifer. Es schien sich zum Sprung bereit zu machen.

Plötzlich war es verschwunden.

Verblüfft sahen sich die Männer an. War das wirklich passiert? Aber beide konnten wohl kaum gleichzeitig dieselbe Halluzination erleben. Vielleicht eine Fata Morgana? Vorsichtig näherten sie sich der Stelle, an der das Tier gestanden hatte. Da war fester Waldboden und nichts zu sehen. Einige Meter weiter fanden sie den Abdruck einer Pfote. Rolf Behnisch legte seine Hand darüber und konnte damit den Abdruck nicht völlig verdecken.

„Wenn der gewollt hätte, könnten wir uns jetzt die Radieschen von unten ansehen“, murmelte er.

„Ich glaub’, wir würden gar nichts mehr sehen, weil nämlich nichts mehr von uns übrig wäre. Der hätte uns in tausend Stücke zerrissen. Aber wohin ist er so schnell verschwunden? Ob das der Wolf war, der dem Hinze in Rädigke die Hühner gekillt hat?“

„Sei froh, dass er weg ist. Ich habe keine Lust auf eine weitere Begegnung. Ein Wolf war das sicher nicht. Wenn es überhaupt ein Tier gewesen ist, dann der Höllenhund.“

Die Männer waren auf einen Schlag nüchtern geworden und beeilten sich, nach Hause zu kommen. Sie atmeten erst auf, als die enge Schlucht hinter ihnen lag. Langsam wurde es dunkel.

Ihr Abenteuer lieferte dem Dorf reichlich Gesprächsstoff für die nächsten Tage. In der Erinnerung wurde das Tier größer und gefährlicher.

Das Erlebnis machte schnell die Runde in den umliegenden Ortschaften. Die meisten Einwohner hielten es für reine Erfindung. Mancher tippte sich offen an die Stirn, wenn die Rede darauf kam.

„Da kannst du mal sehen, wohin dich der Suff bringen wird“, hielt Frau Sternberg ihrem Mann vor, als der wieder in Richtung Kneipe wandern wollte.

Rädigkes kleine Jagdgruppe nahm die von den übrigen Einwohnern mehr oder weniger belächelte Schilderung der Behnischbrüder sehr ernst. Der Hühnerraub war ihnen noch frisch in Erinnerung.

„Egal was an der Sache wirklich dran ist, wir sollten eine gemeinsame Suche vornehmen. Falls wirklich ein Wolf hier in der Gegend sein Unwesen treibt und wir ihn nicht erwischen, werden wir es irgendwann bitter bereuen.“

Zur Bekräftigung nahm Franz Menkenhagen einen großen Schluck aus seinem Bierkrug. Seine beiden Tischgenossen taten es ihm gleich. Noch am nächsten Morgen wollten sie mit ihren Hunden im Neuendorfer Rummel die Spur des angeblichen Höllenhundes aufnehmen.

 

*****

 

Tibor stand am Rand einer großen Wiese, unschlüssig, ob er weitergehen oder lieber im Wald bleiben sollte.

Hinter dem Wald, der sich auf der anderen Seite der Lichtung fortsetzte, lag ein Dorf. In einem Dorf gab es Hühner. Hühner waren leichte Beute. Man musste nur an sie rankommen.

Seit Tagen versuchte Tibor erfolglos, ein Reh oder einen Hasen zu erwischen. Aber diese Tiere waren einfach zu schnell für ihn. Sein Hunger wurde immer größer, und er erinnerte sich an den Geschmack der Hühner.

Der Oktober ging in seine zweite Hälfte, und die Nächte waren bereits empfindlich kalt. Dem Hund machte das Wetter nichts aus. Sein dichtes Fell schützte ihn auch vor größerer Kälte.

Dicke Wolken schoben sich vor den Mond. Tibor suchte aufmerksam die gegenüberliegende Baumreihe ab. Alles blieb ruhig. Nichts deutete auf die Anwesendheit eines fremden Wesens hin. Doch irgendetwas schien anders als sonst. Tibor spürte die Gefahr fast körperlich.

Zögernd machte der Owtscharka einen Schritt aus dem Wald heraus. Dünne Wölkchen kamen aus seinem Maul und lösten sich schnell in der kalten Luft auf.

Es knisterte leicht.

Auf dem Fell des Hundes schienen kleine Funken zu tanzen. Von irgendwo her schwang ein zarter, singender Ton. So leicht und zerbrechlich wie ihn nur Elfen beim Bad im Weiher in einer Vollmondnacht hervorbringen können. Frischer Wind kam auf und ließ die Bäume rauschen. Die Wolken rissen auseinander und gaben einen fast kreisrunden Mond frei, der sein silbernes Licht über der Waldwiese ausschüttete.

Als Tibor mit dem zweiten Schritt ins volle Mondlicht trat, blitzte es zwischen den Bäumen auf.

Die Kugel durchschlug seine linke Flanke. Er stürzte. Eine zweite, hastig abgefeuerte Kugel klatschte neben ihm in den Baum. Kurz darauf fegte eine Ladung Schrot durch das Unterholz. Ein paar der kleinen Bleigeschosse bissen sich wie wütende Bremsen in seinem Fleisch fest.

Der Owtscharka ließ sich den kleinen Hang hinunterrollen, auf dessen Kuppe er gestanden hatte. Das ging schneller als laufen. Unten kam er rasch wieder auf die Pfoten. Er hatte Schmerzen, konnte aber laufen. Blut lief aus seiner Wunde. Zum Glück hatte die Kugel weder Knochen noch Sehnen verletzt. Ein glatter Durchschuss. Tibor setzte das verletzte Bein so leicht wie möglich auf und trabte in Richtung Norden davon.

Die Owtscharki können im Trab stundenlang laufen. Zwar geht das nicht so leichfüßig wie bei den Wölfen, und auch die zurückgelegte Entfernung ist beileibe nicht so groß, Wölfe laufen problemlos in einer Nacht an die hundert Kilometer, aber ein Herdenschutzhund weiß seine Kräfte klug einzuteilen und wird so schnell nicht müde.

Tibor lief durch das Planetal bis zur Quelle des kleinen Baches. Er durchquerte das Grubower Holz, umrundete den Brandberg, um kurz darauf die Straße nach Grubo zu passieren.

Wer von Glashütte nach Welsike zu Fuß unterwegs ist, gelangt auf halber Strecke an einen kleinen Weiher. Mitten im Wald gelegen, vermittelt dieses Fleckchen Erde einen idyllischen, fast märchenhaften Eindruck. Hier könnten sich Waldgeister des nachts ein Stelldichein geben.

Tibor hatte keinen Sinn für den Zauber des Ortes. Er ging an einer flachen Uferstelle bis zum Bauch ins Wasser und trank in langen Zügen. Der vorangegangene Lauf war kräftezehrend gewesen. Seine Hinterhand schmerzte. Er hatte viel Blut verloren.

Der Owtscharka wusste nicht, was ihn an der Lichtung im Rädigker Wald verletzt hatte. Er spürte aber instinktiv, dass die Gefahr noch nicht vorüber war. Er musste weiter. In diesem Gebiet, das er sich während der letzten Wochen als sein Territorium markiert hatte, durfte er nicht bleiben. Der Wald würde ihn verraten. Trotz seiner Sorgfalt hatte er überall Spuren hinterlassen.

Der Mond näherte sich unaufhaltsam dem Horizont. Bald kam der Morgen. Tibor stand mühsam auf. Er wollte noch weiterlaufen, solange es dunkel blieb. Nach einer guten halben Stunde musste er wieder stehen bleiben. Er war fast am Ende seiner Kräfte.

Der Hund sah sich um. Ringsumher dehnte sich der Wald, weit und breit kein Ort. Hier würde ihn kein zufälliger Spaziergänger entdecken. Seine Verfolger, wenn es sie gab, waren nicht zu spüren.

Tibor suchte sich am Fuß des Fuchsberges in einer Kiefernschonung ein Versteck. Hier konnte er sich bis zum Abend ausruhen und bei Einbruch der Dunkelheit seinen Weg fortsetzen.

Schwer fiel dem Owtscharka am Abend das Aufstehen, sehr schwer. Die Schmerzen waren stärker geworden. Seine Nase war heiß und trocken. Tibor quälte sich hoch und lief weiter. Kurz darauf stillte er an einer großen Pfütze seinen brennenden Durst. Wenig später fand er am Straßenrand die Überreste eines Tieres. Sie waren schnell verschlungen und lieferten ihm einen Teil der so dringend benötigten Energie.

In dieser Nacht passierte Tibor in größerer Entfernung den Ort Wiesenburg, hatte einige Mühe beim Überqueren der Fernstraße nach Belzig, ließ Schmerwitz und Hagelberg hinter sich und trabte schließlich auf einem schmalen Weg entlang, der die Straße zwischen Benken und Lübnitz begleitete. Vor der nächsten Kreuzung war ein Parkplatz. Hier fand der Hund drei weggeworfene Frühstücksbrote, die er heißhungrig verschlang. Die weitere Durchsuchung der Örtlichkeit brachte noch ein paar Essenreste zu Tage. Kaum der Rede wert, aber immerhin. Den folgenden Tag verschlief Tibor in einem verlassenen Gehöft.

Die Nacht sah den Hund wieder auf seinem Weg, aber weit würde er wohl nicht mehr kommen. Er fieberte, seine Wunde hatte sich entzündet, obendrein quälte ihn der Hunger.

Tibor lief durch den endlosen Wald. Mondlicht erhellte seinen Weg. Als der Owtscharka an einen schmalen Wasserlauf kam, trank er das erfrischende Nass, bis sein Bauch zu platzen drohte. Ein paar Meter vom Bach entfernt legte er sich ins frisch gefallene Laub. Er atmete schwer. Sein Körper verweigerte ihm den Gehorsam. Er brachte keine Energie mehr auf. Menschliche Geräusche drangen an sein Ohr. Irgendwo bellten Hunde.

Der Owtscharka schloss die Augen.